Kerstin erkundet mit dem Fahrrad die Welt



 
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England: Die Fähre in Harwich wartet nicht...


22.07.2002:

Gefahrene Strecke: 215 km (davon allerdings 150 km mit dem Zug!)

Man konnte es drehen und wenden wie man will, wir werden es kaum bis Sonnabend schaffen, die Fähre in Harwich zu erreichen. Bernhard muss die Fähre um 10 Uhr unbedingt erreichen, weil er am darauf folgenden Montag wieder am Schreibtisch sitzen muss. Ich würde gern auch noch Holland kennen lernen. Es fehlt uns ungefähr ein Tag. Wir würden nicht darum herum kommen, eine Strecke mit dem Zug zu fahren. Außerdem geht es mir gesundlich nicht ganz so gut, denn ich habe gerade ein wenig Halsschmerzen. Wir entschieden uns, noch bis Newcastle noch mit dem Rad zu fahren und von dort einen Zug nach York zu nehmen. Wer weiß, wenn wir uns erst später dazu entschließen, sind vielleicht die Verbindungen nicht so gut und wir bekommen dann doch noch Stress. Also lieber jetzt den Zug nehmen.

Wir fuhren wieder auf dem ausgeschilderten Radweg in Richtung Newcastle. Es ging bergauf und bergab auf Wegen, die man eigentlich kaum befahren konnte. Wir kamen an Schaf- und Bullenwiesen vorbei. Es war zwar ziemlich idyllisch aber wir brauchten für nur 10 km etwa eine Stunde. Die Hauptstraße wäre heute wohl die bessere Wahl gewesen. Andererseits: die Ausschilderung des Radweges war wirklich super!



Dann mussten wir einen extremen Berg, ich schätze, es war ein Anstieg so um die 18%, meistern. Aber wenigstens hatten wir sonst die ganze Zeit Rückenwind. Es nieselte heute ständig, wenn man es genau nimmt war es aber nur ein feuchter Niederschlag.

Newcastle erreichten wir über einen Radweg und den Bahnhof zu finden, war auch kein großes Problem. Wir mussten nur eine halbe Stunde auf den Zug warten. Wir hatten Glück, denn nicht in jedem Zug in England kann man auch Fahrräder mitnehmen.



In York, einer wirklich sehenswerten Stadt mit ca. 130.000 Einwohnern, einer alten Stadtmauer, einem Minster und einem Castle, wollten wir uns wieder ein Zimmer über Bed&Breakfast mieten. Es gab zwar ein großes Angebot, doch viele Zimmer waren schon besetzt.



Wir wurden dann aber doch noch fündig und kamen bei einer netten Dame unter. Es stellte sich im Gespräch heraus, dass sie auch Triathletin ist und hat für unsere Räder gleich ihren Gartenschuppen ausgeräumt. Als Sportlerin liegt sie mit uns auf einer Wellenlänge und weiß natürlich, was uns die Räder bedeuten.

23.07.2002:

Gefahrene Strecke: 128 km

Heute Morgen kamen wir zwar erst relativ spät um 10 Uhr von York weg, konnten aber trotzdem eine ziemlich lange Strecke schaffen. Der Radweg führte entlang einer alten, stillgelegten Eisenbahntrasse. Es war total flach und der Untergrund war auch sehr gut befahrbar, obwohl es sich nicht um eine geteerte Straße handelte. Leider war nach etwa der Hälfte unserer Tagestour die alte Trasse zu Ende. Wir mussten uns wieder auf anderen Wegen und Straßen unserem heutigen Ziel, dem Ort Lincoln, nähern.

Unterwegs kamen wir an einer Art Bahnübergang vorbei, es gab dort jedoch keine Schranke, sondern nur ein Gatter. Direkt daneben in einem Häuschen saßen ein Mann mit seiner Frau. Als wir die Schienen überqueren wollten, musste er erst telefonieren und sich vergewissern, dass nicht gerade ein Zug kommt. Erst als er für uns 'grünes Licht' bekam, durfte er das Gatter öffnen. Einen tollen Job hat er - vielleicht ein wenig langweilig auf die Dauer...

Irgendwann später telefonierte ich noch mit dem Reisebüro Travelright in Hannover, die sich ja spontan bereit erklärten, meine Überfahrt von England nach Holland zu sponsern. Man wird für mich ein Ticket für die Fähre am Sonnabend um 17 Uhr in Harwich hinterlegen lassen. Und nicht nur das! Ich werde auch noch einen Gutschein für ein Mittagessen bekommen. Eine tolle Geste der Firma, für die ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken möchte!



Ziemlich spät, erst um 19 Uhr, kamen wir endlich in Lincoln an und quartierten uns in der dortigen Jugendherberge ein. Etwas problematisch war dann, noch etwas einzukaufen. In den winzigen Orten in Schottland hatten die Läden auch abends noch auf, doch hier sind merkwürdigerweise die meisten Geschäfte schon am frühen Abend geschlossen. Wir fanden dann aber doch noch einen 'Late Shop' und konnten uns mit den notwendigsten Lebensmitteln eindecken.

24.07.2002:

Gefahrene Strecke: 115 km

Nach dem Frühstück im schönen Wintergarten der alten Jugendherberge in Lincoln machten wir uns auf den Weg in Richtung Süden. Das Wetter war sehr schön: viel Sonnenschein aber auch ziemlich viel Wind. Unterwegs gab es nicht viel zu sehen. Wir versuchten heute einfach nur möglichst weit zu kommen. Wir fuhren über kleine Straßen, fast schon Feldwege, auf denen man aber gut voran kam. Hin- und wieder kamen wir durch kleinere Orte. Dort war aber kaum etwas los. Unser Etappenziel hieß heute Peterborough. Eine Industriestadt, die ebenfalls mit keinen besonderen Sehenswürdigkeiten aufwarten kann.

25.07.2002:

Gefahrene Strecke: 120 km

Auf unserer heutigen Tour führte uns der Weg unter anderem nach Cambridge, der bekannten Universitätsstadt. Hier sahen wir uns natürlich erst einmal die Stadt und vor allem das bekannte Trinity College an. Fasziniert waren wir von der Bibliothek der Universität. Diese ist nur von 12 bis 14 Uhr für Besucher zugänglich. Es wurden immer nur ca. 10 Personen hineingelassen und erst wenn jemand die Bibliothek wieder verlassen hatte, durfte ein weiterer Besucher die Räume betreten.



In der Bibliothek durfte man nur flüstern, da natürlich auch Studenten dort ihren Studien nachgingen. Einige ganz besonders wertvolle Bücher, wie etwa das Tagebuch von Isaac Newton, waren in Vitrinen ausgestellt, die als Schutz vor dem Sonnenlicht mit speziellen Decken abgedeckt waren. Wenn man einen Blick hineinwerfen wollte, wurde die Decke nur kurz angehoben und danach gleich wieder darüber gelegt.

Anschließend fuhren wir noch etwa 60 km weiter und kamen nach Bury St. Edmonds, einer kleinen Stadt, in der wir uns ein Zimmer über das Bed&Breakfast Büro nahmen. Obwohl es schon ziemlich spät war, als wir in dem Ort ankamen, klappte die Zimmerreservierung sehr schnell. Ein guter Service ist, dass schon beim Aushang der Zimmeranbieter angegeben wird, welcher Vermieter noch Kapazitäten frei hat und wer bereits ausgebucht ist. So spart man unnötige Anrufe.

26.07.2002:

Gefahrene Strecke: 95 km

Auf ganz kleinen fuhren wir heute in Richtung Harwich. Wir fuhren kreuz und quer durch die Landschaft. Die Strecke war etwas wellig, eigentlich ganz gut zu fahren und dennoch kamen wir am Anfang nicht so recht voran. Später wurde es dann besser. Es war es den ganzen Tag unglaublich warm, etwa 25 bis 30 Grad. Wenn man sich die vielen Apfelbäume an der Strecke als Orangenbäume vorstellte, dann hätte man durchaus glauben können, man würde auf Mallorca eine Radtour unternehmen. Wir hatten unterwegs keine Sehenswürdigkeiten besichtigt und wollten einfach nur in Harwich ankommen.

Am Nachmittag kamen wir dann auch an und ich wollte auch gleich im Stena Line Büro nachfragen, ob auch wirklich schon mein Ticket, das mir die Firma Travelright aus Hannover geschenkt hat, dort für mich bereit liegt. Es hatte geklappt! Auch der Gutschein für mein Essen und eine Sitzplatzreservierung in der Panorama Lounge des Katamarans lag für mich bereit! Prima.

Wir suchten uns noch eine Bed&Breakfastunterkunft und gingen abends noch Essen. In den englischen Restaurants läuft das allerdings etwas anders als in Deutschland ab. Man kann nicht einfach in das Lokal gehen und sich einen Sitzplatz suchen, sondern man bekommt vom Ober immer erst einen Platz zugewiesen. Heute, in einem urtypischen englischen Restaurant, war es sogar noch ein bisschen anders: zuerst bestellten wir unser Essen am Thresen und wurden in einen separaten Vorraum gebeten. Dorthin brachte man uns die Getränke. Erst als das Essen fertig brachte uns der Ober dann an den Tisch.

Nach dem Essen haben wir uns noch auf eine Bank gesetzt und auf die Nordsee in Richtung Holland geschaut. Morgen werde ich schon in Holland sein und dann wieder ohne die Begleitung meines Mannes die Reise fortsetzen. Ich würde ablehnen, wenn man mich jetzt fragen würde, ob ich nicht doch lieber zu Zweit weiterradeln würde. Es ist zwar auch schön, zu Zweit so eine Tour zu machen aber aan erlebt einfach viel mehr, wenn man allein unterwegs ist, man kommt viel besser mit den Menschen ins Gespräch.

27.07.2002:

Gefahrene Strecke: 30 km

Heute Morgen beim Frühstück kramte Bernhard seine Tickets für die Fährfahrt nach Cuxhaven heraus. Er hatte diese Route Harwich - Cuxhaven gewählt, weil die Zugverbindung von Cuxhaven nach Wunstorf ziemlich gut ist. Er wurde kreidebleich. Als ich ihn fragte, was er denn hätte, sagte er mir, dass seine Fahrt schon für Freitag gebucht war! Jetzt würde er es bestimmt nicht mehr schaffen, am Montag wieder im Büro zu sein.

Ich versuchte ihn zu beruhigen und schlug vor, erst in Ruhe zu frühstücken und dann beim Fähranleger nachzufragen, was man da machen könnte.

Als wir dann am Schalter nachfragten, bekam er wieder eine negative Nachricht, denn die Fähre nach Cuxhaven fährt nur jeden zweiten Tag und Sonntag wäre für ihn zu spät! Es blieb somit noch die Möglichkeit, dass er mit mir nach Hoek van Holland kommt und am Sonntag vom Bahnhof Den Haag aus nach Wunstorf fährt. Er stellte sich am nächsten Schalter an und bekam wieder eine Hiobsbotschaft: die Fähre nach Hoek van Holland wäre restlos ausgebucht! Doch nach einer erneuten Nachfrage und 5 Minuten endlosen Wartens dann die Entwarnung: es gab ein Missverständniss, weil man glaubte, wir wollten noch ein Auto mitnehmen. Eine Einzelperson mit einem Fahrrad wäre gar kein Problem. Endlich mal eine positive Nachricht!

Auf dem Katamaran hatte ich eine ganz tolle Überfahrt, denn die Leute vom Reisebüro Travelright in Hannover hatten mir ja nicht nur die Fährfahrt und ein Mittagessen geschenkt, sondern auch noch einen Platz mit der schönsten Aussicht in der Panorama Lounge reserviert. Es war einfach toll, denn man wurde hier wie in einem VIP-Bereich bedient, bekam Kaffee und Getränke serviert!

In Holland angekommen, machten wir uns mit unseren Rädern auf den Weg in das etwa 30 km von Hoek van Holland entfernte Den Haag. Wir mussten uns wieder einmal umstellen, denn jetzt hieß es wieder 'Rechtsverkehr'. Außerdem genießt man in Holland als Radfahrer Privilegien, die weder in Deutschland noch in England vorstellbar sind. Die Radwege, die Ausschilderung für Radfahrer - alles ist hier perfekt. Kein Wunder, denn es fahren hier so viele Radfahrer, wie wohl sonst nirgendwo auf der Welt. Da es hier völlig flach ist, kamen wir so schnell voran, dass sogar noch Zeit blieb, uns an den Strand zu legen und die Sonne zu genießen.



 


Diese Seite wurde zuletzt geändert am: 19.05.2016  

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